Interview mit dem Mückenexperten Pie Müller

Warum fallen wir an lauen Sommerabenden immer den Mücken zum Opfer? Zieht Licht die kleinen Plagegeister wirklich an? Und wie können wir uns am besten vor Mückenstichen schützen? Es existieren eine Menge Fragen rund um das Thema „Mücke“ und oft fehlen uns die korrekten Antworten. Um endlich Licht ins Dunkle der Stechmücken-Welt zu bekommen, haben wir ein Interview mit dem Mückenexperten Pie Müller vom Schweizerischen Tropen- und Public Health-Institut (Swiss TPH) geführt. Erfahren Sie hier, was der Autoreifenhandel mit der Verbreitung der Asiatischen Tigermücke zu tun hat und warum so manche Mückenabwehr-Utensilien eigentlich gar nichts bringen.

Eckdaten zu Pie Müller Mückenexperte Pie Müller im Interview.

Pie Müller hatte schon immer großes Interesse an Insekten und deren Biologie. Ursprünglich studierte er Anthropologie (Lehre vom Menschen), weswegen er anschließend einen Themenbereich suchte, der sowohl die Medizin als auch seine Leidenschaft für Insekten miteinander verbindet. Die Forschung an Mücken bietet für ihn beides – dies wurde Pie Müller auch während seiner Zeit in den Tropen klar. Bevor er 2009 seine Stelle als Gruppenleiter im Schweizerischen Tropen- und Public Health-Institut in Basel antrat, beschäftigte sich der promovierte Naturwissenschaftler in Liverpool (England) mit Mücken und deren Ausbildung von Resistenzen gegen Insektizide. Der Hauptfokus seiner Arbeit liegt aktuell auf der Biologie von Stechmücken sowie der Erarbeitung und Umsetzung von neuen Methoden zu deren Überwachung und Bekämpfung. Dazu gehört auch die Forschung und Entwicklung von Mückensprays und Insektiziden, die in einem extra Testlabor geprüft werden.



  1. Die Mücke zählt zu den gefährlichsten Tieren der Welt – würden Sie dieser Aussage zustimmen?

    Die weiblichen Mücken stechen den Menschen, da sie das Blut für ihre Eierproduktion benötigen. Viele denken, dass sie harmlos sind und lediglich ein bisschen Blut saugen, doch sie können dabei verschiedene Krankheiten von Mensch zu Mensch oder auch von Tier zu Mensch übertragen. Solche Infektionen können schwere gesundheitliche Schäden mit sich bringen oder sogar zum Tod führen. Betrachtet man die Tatsache, dass pro Jahr circa 700.000 Personen weltweit an den Folgen eines Mückenstiches versterben, gehört die Stechmücke durchaus zu den gefährlichsten Tieren der Welt.

  2. Ein lauer Sommerabend mit Freunden am See – während sich die einen kaum vor Mücken retten können, verbringen die anderen einen ungestörten Abend. Warum sind manche Menschen häufiger von Mückenstichen betroffen als andere?

    Stechmücken benutzen verschiedene Sinne, um ihre Opfer ausfindig zu machen. Auf weite Distanzen ist hier vor allem die CO2-Ausatmung des Menschen ein wichtiger Schlüsselreiz. Kommen die Mücken näher, orientieren sie sich hauptsächlich am Körperduft und dieser ist bei jeder Person individuell – manche Menschen sind daher für Mücken attraktiver als andere. Zusätzliche Faktoren könnten die Körpertemperatur, Schwitzen oder Kosmetika sein. Zum Beispiel Milchsäure, die teilweise in Kosmetika enthalten ist, wirkt auf Mücken anziehend.

  3. Was sind für Sie die besten Tipps, um sich vor Mückenstichen zu schützen?

    Ein gutes Mittel, um sich vor Mückenstichen zu schützen, ist die entsprechende Kleidung. Hier sollte eher auf weite Teile geachtet werden, denn Mücken stechen sogar durch enganliegende Jeans hindurch. Hautstellen, die nicht mit Klamotten bedeckt sind, werden mit einem Mückenschutzmittel gleichmäßig besprüht. Hier ist es wichtig, dass keine Bereiche unbedeckt bleiben, da Mücken selbst kleinste, ungeschützte Hautareale finden und zustechen. Auch physikalische Barrieren wie Fliegengitter an den Fenstern sind sinnvolle Anschaffungen, um die kleinen Insekten fernzuhalten. Bei Reisen in Malaria-Gebiete schützt ein Mückennetz während dem Schlaf vor den nachtaktiven Malariamücken.

  4. Ultraschall oder Knoblauch essen – es gibt neben wirksamen Mückenschutzmitteln weitere Anti-Mücken-Tipps und -Devices auf dem Markt, die eine Stechtier-freie Zeit versprechen. Wie hilfreich sind sie wirklich?

    Es existieren keinen wissenschaftlichen Hinweis dafür, dass sowohl Knoblauch als auch die Einnahme von Vitamin B-Tabletten Mücken fernhalten. Auch bei Verdunstern ist der Einsatz nicht immer erfolgsbringend: Es gibt verschiedene Varianten und viele von ihnen verdampfen Insektizide, aber nur, solange sie eingeschalten sind. In dieser Zeit sind sie je nach Produkt auch hilfreich, allerdings nicht mehr, wenn sie ausgeschalten werden. Da Mücken im Ultraschallbereich nichts hören, sondern vor allem bei einer Frequenz von 400 Hertz, sind Ultraschall-Geräte ebenso nicht für die Mückenabwehr geeignet. Akustische Geräte, die bei Mücken helfen, würden auch von unserem Ohr wahrgenommen werden. Und wer möchte schon die ganze Nacht ein „a “ hören?

  5. Also bleiben wir lieber bei den altbewährten Methoden. Doch auch hier herrscht oft Unsicherheit: Wie und wann trägt man ein Mückenschutzmittel am besten auf? Gibt es etwas zu beachten?

    Direkt vor der Verwendung ist es wichtig, die Flasche mit dem Mückenschutzmittel gut zu schütteln. Danach wird das Spray gleichmäßig auf die Haut aufgetragen. Falls Sie das Spray auch auf der Kleidung auftragen wollen, testen Sie zuvor auf einer kleinen Stelle, ob es zu Verfärbungen kommt. Wenn Sie gleichzeitig einen Sonnenschutz auftragen möchten, sollten Sie diesen zuerst verwenden, 20 Minuten warten und dann zum Mückenspray greifen. Es ist darauf zu achten, dass das Mittel nicht auf Schleimhäute wie im Mund oder den Augen gelangt. Am besten übernimmt ein Erwachsener bei Kindern die Aufgabe und trägt den Schutz am Körper auf. Verwenden Sie nach dem Sport oder Schwimmen den Mückenschutz – genau wie die Sonnencreme – erneut.

  6. Der nächste Urlaub in den Tropen steht vor der Tür: Sollte man sich auf Reisen in diese Gebiete besonders vorbereiten?

    Grundsätzlich empfiehlt es sich, vor der Reise einen Tropenmediziner aufzusuchen. Er besitzt genügend Wissen über das Reiseziel und weiß, ob zum Beispiel Impfungen in diesen Gebieten notwendig sind. Außerdem hat der Spezialist ausreichend Kenntnisse über Vorsichtsmaßnahmen wie beispielsweise eine Chemoprophylaxe bei Malaria. Diese ist generell ein guter Schutz, auch wenn sie keine 100-prozentige Sicherheit bietet. Deshalb ist ein geeigneter Mückenschutz ebenfalls wichtig. Es gibt auch Ziele in den Tropen, wo solche Krankheiten nicht verbreitet sind und deswegen keine Maßnahmen notwendig werden.

  7. Wie wahrscheinlich ist es, dass sich Malaria, Chikungunya und andere mückenübertragene Krankheiten auch in der Schweiz ausbreiten?

    Damit eine Stechmücke einen Krankheitserreger weitergeben kann, muss sie diesen zuvor mit dem Blut von einer erkrankten Person aufnehmen. Und bevor der Erreger durch einen weiteren Stich auf eine andere Person übertragen werden kann, muss er sich in der Mücke vermehren. Nur wenige Arten kommen als Krankheitsüberträger in Frage, da nicht alle Mücken Menschen stechen oder der Erreger sich in der Mücke nicht entwickeln kann. So sind zum Beispiel nur ungefähr 60 von den weltweit circa 3.500 Mückenarten in der Lage, Malaria zu übertragen. Je häufiger solche Mücken und erkrankte Menschen zusammenkommen, desto wahrscheinlicher ist eine Krankheitsübertragung. Auch wenn in der Schweiz bis Anfangs des 20. Jahrhunderts Malaria existent war, muss man die damalige Situation im Gegensatz zur heutigen betrachten: Es gab zum einen viel mehr Mücken, zum anderen waren die Lebensumstände ganz anders. Vor allem nach dem Einsatz von DDT (Dichlordiphenyltrichlorethan) sind die Fälle von Malaria weltweit drastisch zurückgegangen. Neben dem Aufkommen von Insektiziden ist zudem die heutige medizinische Versorgung in der Schweiz viel besser. Wenn ein Mensch die Symptome einer Malaria spürt und einen Arzt aufsucht, wird er entsprechend behandelt. Dadurch ist die Chance, dass die infizierte Person erneut von einer Mücke gestochen und der Parasit verbreitet wird, gering.

    Im Gegensatz zu Malaria könnte sich in der Schweiz allerdings das Chikungunya-Virus durch die Asiatische Tigermücke verbreiten. Die Mückenart ist inzwischen im Kanton Tessin heimisch und auch in Basel wird eine erste Population vermutet. Wenn eine Person nun in ein für das Chikungunya-Virus gefährdetes Gebiet reist, dort von einer infizierten Mücke gestochen wird, in die Schweiz zurückkehrt und hier einer heimischen Asiatischen Tigermücke zum Opfer fällt, ist eine Ausbreitung des Virus theoretisch möglich. Im Gegensatz zu Malaria gibt es dafür keine spezifische Behandlung.

    Ein anderes Virus, das uns Sorgen bereiten könnte, ist das West-Nil-Virus. Es wird eigentlich zwischen Vögeln übertragen, es gibt allerdings Mückenarten, die sowohl Vögel als auch den Menschen stechen und so das Virus vom Vogel auf den Menschen übertragen können. Letztes Jahr kam es in Europa zu 2.083 Infektionsfällen – in Zukunft könnte auch die Schweiz betroffen sein. Dennoch sollte die Bevölkerung keine Panik vor Epidemien haben. Die Situation muss jedoch im Auge behalten und wo nötig die Populationsdichte der Mücken niedrig gehalten werden.

  8. Die Asiatische Tigermücke ist also bereits in der Schweiz heimisch. Wie ist sie hierhergekommen?

    Diese Insektenart klebt ihre trockenresistenten Eier oberhalb von Wasseroberflächen an den Rand von kleinen Behältern – ursprünglich eine Anpassung an mit Wasser gefüllte Baumhöhlen. Dort bleiben sie bis es regnet und der Wasserspiegel steigt, dann schlüpfen die Larven. Man geht davon aus, dass der Autoreifenhandel für die Verschleppung der Asiatischen Tigermücke verantwortlich ist, denn die Reifen bieten den Mücken zum Eierlegen ähnliche Bedingen wie die Baumhöhlen. Autoreifen werden draußen gelagert, über den Handel sind sie dann vermutlich über die USA nach Italien gelangt. Von dort reisten dann die ausgewachsenen Mücken als blinde Passagiere in Fahrzeugen in die Schweiz.

  9. Da sie in der Schweiz angekommen ist, soll hier die weitere Verbreitung der Asiatischen Tigermücke dokumentiert werden. Wie genau funktionieren Mücken-Überwachungssysteme und welches Ziel verfolgen sie?

    In Gebieten, in denen die Asiatische Tigermücke noch nicht entdeckt wurde, ist das Aufstellen von Fallen an Raststätten oder Flughäfen eine wichtige Maßnahme. Diese werden entlang der Hauptverkehrsachsen – an denen die Einschlepp-Gefahr am größten ist – angebracht. Die Fallen bestehen aus Blumentöpfen. Sie sind mit Wasser gefüllt, um die Baumhöhlen nachzuahmen und so eine ideale Brutstätte zu erschaffen. Im Inneren befindet sich ein Holzstäbchen, an welches die Mücke ihre Eier klebt. Sind Eier am Holzstäbchen zu finden, sucht man das Gebiet genauer auf Brutstätten ab. Wenn klar ist, dass Asiatische Tigermücken vorhanden sind, werden die Brutstätten entfernt oder mit Bti (Bacillus thuringiensis var. israelensis) behandelt. Das natürliche Biozid wirkt sehr spezifisch auf Mückenlarven. Im Tessin konnte diese Vorgehensweise bereits zu einer drastischen Reduktion der Population führen. Das Aufstellen von zusätzlichen Fallen für ausgewachsene Mücken hilft zudem, weitere Untersuchungen zu Populationsdichte und möglicherweise übertragenen Krankheiten durchzuführen.

  10. Wie sieht der aktuelle Forschungsstand aus? Woran forschen Sie am Swiss TPH?

    Wir versuchen auf vielen Ebenen, die Biologie der Mücken besser zu verstehen, um Menschen vor mückenübertragenen Krankheiten zu schützen. Im Feld untersuchen wir, wo und wann, welche Mückenarten vorkommen und führen mittels molekularbiologischer Methoden Verwandtschaftsanalysen durch. Damit kann herausgefunden werden, über welche Wege es zur Einschleppung gebietsfremder, invasiver Arten kommt. Feldstudien zeigen zudem auf, wie gut eingesetzte Kontrollma ß n ahmen greifen, oder, ob ein Risiko einer Krankheitsübertragung durch eingeschleppte Arten besteht.

    Im Labor untersuchen wir zum Beispiel das Verhalten der Stechmücken und wie sie Insektenrepellents wahrnehmen. Interessanterweise wissen wir bis heute nicht genau, wie diese das Verhalten der Mücken beeinflussen, obwohl wir uns schon seit Jahren damit gegen Mückenstiche schützen. Um dieser Frage nachzugehen, verwenden wir ein ausgeklügeltes Video System, womit das Verhalten der Stechmücken selbst im Dunkeln in Millisekunden aufgezeichnet werden kann.

Und zum Schluss des Interviews klärt Herr Müller für uns noch einen Mythos auf:

Licht aus, Fenster auf und die Mücken bleiben fern – entspricht das der Wahrheit?

Nein, Mücken finden den Menschen auch ohne Licht. Es ist das CO2 und der körpereigene Duft, der in erster Linie die weiblichen Stechmücken anzieht.

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1 European Centre for Disease Prevention and Control: West Nile fever. URL: https://ecdc.europa.eu/en/west-nile-fever (14.05.2019).